das werk von peter marthaler
stephan bundi
visuelle kommunikation/dozent zum illustrationswerk
zeichnen bedeutet, einen sachverhalt, eine situation oder eine idee sichtbar und nach-vollziehbar zu machen. wenn die fotografie an ihr limit stösst, übernimmt der zeichner. er sieht hinter die oberfläche, er sieht und versteht das wesen eines objekts, einer figur. anatomische und perspektivische kenntnisse werden vorausgesetzt, aber danach beginnt die eigentliche aufgabe des zeichners. durch akzentuierung, verformung und überhöhung kann ein ausdruck verdeutlicht, eine szene dramatisiert, können personen charakterisiert werden.
der grafiker war früher nicht nur zuständig für die visuelle kommunikation, er war immer auch handwerker und zeichner, war in der lage, ein objekt, eine figur zu zeichnen und als werbe- oder informationsmittel einzusetzen.
der illustrator geht einige schritte weiter, er befasst sich auch mit dem ausdruck, der bewegung, der stimmung. es gibt nur ganz wenige grafiker/illustratoren, die das erfolgreich können, einer davon ist peter marthaler.
sein spektrum an zeichen- und darstellungstechniken ist breit. von der sachzeichnung zu komplexen szenen oder einzelnen charakterfiguren beherrscht er alles. von der naturnahen sachzeichnung bis zur comicartigen überzeichnung bedient er sich jeweils jener darstellungsart, die eine situation am besten verdeutlicht. die zeichnung ist das wohl älteste visuelle ausdrucksmittel. umso erstaunlicher, dass sie auch heute noch unentbehrlich ist und neben fotografie, film und animation eingesetzt wird. die fotografie ist ein schnelles medium, film und animation nutzen zusätzlich die zeitachse. die eingeschränkten möglichkeiten der illustration müssen mit kenntnis sämtlicher visueller techniken erweitert werden, das ist in hohem masse anspruchsvoll.
der stille schaffer peter marthaler kann das – als einer der ganz wenigen.
konrad tobler
kulturjournalist/kunstkritiker zum werk
peter marthaler ist ein kongenialer zeichner in der tradition der bandes dessinées. kaum etwas, so scheint es, kann er nicht in die sprache der besten comics umsetzen – ob architekturen, logos oder emotionale szenen voller gesten und mimik. das erscheint wie von leichter hand gezeichnet, geradezu beschwingt, ist aber das resultat langer, genauer beobachtungen – und einer sicheren hand. fast möchte man all die skizzen einmal sehen, die zu diesen resultaten geführt haben. marthalers tätigkeitsfeld ist gross. es reicht von der werbung für renommierte marken bis zur gestaltung von messeständen, von arbeiten für bundesbetriebe bis zu freien szenerien. sein können wurde auch international anerkannt: in brüssel, hauptstadt nicht nur europas, sondern auch des comics, hat er ganze tramzüge mit grossen zeichnungen bebildert. (textauszug)
zu den bandes dessinées
peter marthaler ist ein zeichner in der tradition der bandes dessinées, der ligne claire.
er bevorzugt für seine ananlogen oder digitalen illustrationen, meist stark konturiert, oft formbegleitend und/oder flächig hell/dunkel oder mit farbiger kolorierung umgesetzt, meist ohne sprechblasen, das grossformatige einzelbild – oft mit mehreren sequenzen - welche nicht zeitgleich stattfinden - als ausdrucks- und gestaltungsmittel; viele seiner comics sind in dieser manier angelegt: überschäumende, temporeiche geschichten mit speedlines, je nach ausgangslage, voller witz und detailtreue, wenn nötig auch mit formaler abstraktion. es gibt sie auch, die klassischen bildergeschichten/bildfolgen über mehrere seiten, in typischen panelrahmen erzählt.
unablässig arbeitet der zeichner an strich, linien- und flächenformen, lebendigen/spannungsgeladenen licht- und schattenspielen, an ungewöhnlichen perspektiven und bildausschnitten, manchmal versetzt mit typografischen gestaltungselementen als expressives mittel der akzentuiation/hervorhebung/steigerung der aussagekraft, der charakterisierung seines darstellenden personals in mensch- und/oder tiergestalt, der bestmöglichen umsetzung der jeweiligen gegebenheit/ausgangslage/kontext.
der zeichner pflegt seinen eigenen und eigenständigen, unverwechselbaren stil – seine prägnante, künstlerische handschrift. (textauszug)
francesco micieli
schriftsteller/dozent zum werk von peter marthaler
die welt auf die welt bringen. sätze zu den bildern.
die bildwelt von peter marthaler ist in der welt verankert, in welcher bilder entstehen und so tun, als würden sie leben, da sein und sich auch bewegen. diese bilder sind frech, sie befehlen dem illustrator, er solle sie zeichnen. dieser lässt sich aber nicht rumkommandieren und zeichnet die bilder mit einem ganz eigenen strich. gerüche und töne fügt er auch hinzu. wir betrachtenden sind wie till eulenspiegel und möchten den klang der münze verwenden, um den duft der würzigen bilder zu haben.
so geht die list. und schon sind wir mitten in der welt von marthalers illustrationen und spüren die liebe für seine figuren und die freude der figuren, auf dieser welt zu sein.
alle texte zu/aus der publikation kunstfutter gutjahr/marthaler
zum illustrationswerk/nonfiction/fiction/bandes dessinées
der zeichner und grafiker mit atelier in bern arbeitet an eigenen, persönlichen projekten; auch illustriert und/oder gestaltet er für namhafte unternehmen bis zur freien szenerie.
peter marthaler ist ein äusserst aufmerksamer beobachter, auch, aber nicht nur ein chronist seiner (und der jeweiligen) zeit. er transformiert seine betrachtungen je nach kontext in genaue, analytische sachzeichnungen – oft auch von motorisiertem: der illustrator mit einem faible für allerlei vehikel mit motoren, sowohl für etwas angejahrte wie auch für futuristische – bis hin zu überzeichneten, überschäumenden comicartigen darstellungen und seinen figuren in ihrer zeit.
für seine arbeiten hat er verschiedene auszeichnungen/preise erhalten.
er zeigt sein schaffen auch an unüblichen orten. aber: seine werke sind dennoch in der sammlung des «museum für gestaltung zürich» vertreten.
text zu/aus der kunstpublikation kunststoffe
über die kunstpublikation kunststoffe
sie bespricht eine weiterverfolgende, edierte werkauswahl aus den oeuvres von susanne gutjahr und peter marthaler, bestehend aus rund 200 verschiedenen bildern (malerei, zeichnung, illustration, bandes dessinées und fotografie) aus der schaffensperiode des künstlerpaares – beide haben sich je eigene und eigenständige werkkomplexe, bildwelten geschaffen.
sie haben als künstlerpaar gutjahr/marthaler mehrere werke realisiert; dadurch wird die sichtbarmachung der unterschiedlichen wahrnehmbarkeiten und deren aussagekraft ermöglicht. zwei völlig verschiedene bild- und kunstwelten werden zusammengeführt/vernetzt/verwoben; auf die sich verrückenden wirklichkeiten/gewissheiten, auf die verlinkung der ausdrucksfähigkeiten der beiden künstlerischen identitäten wird fokussiert. das künstlerpaar ist seit jahrzehnten kontinuierlich professionell künstlerisch tätig und das ausgewählte und sehr umfangreiche bildmaterial der beiden kunstschaffenden konnte nach einer intensiven sichtung und ordnung unmöglich in einer einzigen publikation (im vorgängigen kunstfutter werden leporellos, poster und einzelblätter inhaltlich und formal zu einer stringenten/zwingenden/schlüssigen gesamtheit zusammengefügt; sie präsentiert sich in einer box) sinnvoll untergebracht werden, zumal es auch nach unterschiedlichen gestaltungskonzepten verlangt. dies ist in kunststoffe so angelegt, dass die bilder unterschiedliche grössen und platzierungen aufweisen, was dem dialog der beiden kunstwelten im buch eine eigene dynamik und rhythmisierung in der gewählten dramaturgie, dem spannungsbogen der bildfolge verleiht/auferlegt – es entsteht durch die interaktion der bilder eine neue aussage/feststellung; ein neues elaborat manifestiert sich durch die zusammenführung der (bild)kompositionen der beiden sehr unterschiedlich gearteten bildsprachen/kunstwelten: sie treten einander gegenüber und vereinen sich zu einem koharänten komplex/gebilde – je nach betrachtungsweise entstehen immer neue geschichten/erzählungen/fabeln ohne worte oder vorstellungsverknüpfungen/-verbindungen.
text zu/aus der kunstpublikation kunststoffe
konrad tobler
traumbilderbogentraum
vor uns öffnet und entfaltet sich mit den kunststoffen von susanne gutjahr und peter marthaler ein bilderbogen von mehr als zweihundert bildern. würden die zweihundert bilder in einer kunstausstellung präsentiert, so spräche man von einer grossen ausstellung, für die man sich viel zeit nähme (mehr als die statistischen 19 sekunden, die gemäss untersuchungen bei einem museumsbesuch im schnitt für ein kunstwerk „aufgewendet“ werden). dieser fiktiven vorstellung sind weitere quantitative befunde beizugesellen, etwa rein technische: die bildfrequenz in einem film beträgt bekanntlich mindestens 24 bilder pro sekunde, bei computergames von denen ich keine ahnung habe – sind es deren 240 fps, frames, also bilder, pro sekunde. wahrnehmungsphysiologische und psychologische zahlen gehen davon aus, dass sechzig- bis achtzigtausend gedanken pro tag durch unser gehirn blitzen, technizistisch gesprochen sind das elf millionen bits pro sekunde, davon jedoch, glücklicherweise, nur 0,1 prozent derart, dass wir uns dessen bewusst sind.
(das waren bisher 135 wörter oder 815 zeichen – wie viele gedanken?)
warum all diese zahlen? weil die kunststoffe wirken, als ob es unmöglich wäre, die fülle der eindrücke, die sich da entfalten und öffnen, bild nach bild nach bild nach bild zu erfassen, geschweige denn auf einen begriff zu bringen. und eben das ist das schön-irritierende dieses bilderbogens. man taucht in die bilderwelt ein, lässt sich in und von ihr treiben wie in einem fluss. wie wenn man in der eisenbahn sässe und zum fenster hinausschaute (peter marthaler würde wohl eher eine lange fahrt auf dem motorrad unternehmen). als ob man stundenlang durch eine fremde stadt streifen würde (susanne gutjahr entdeckte da leere hallen, auf mauern und an bäumen aber auch flechten und moose). wie wenn man dabei mit den augen blinzeln würde. immer von neuem erstaunt vom neuen. von überraschenden, unerwarteten eindrücken.
lassen wir also die augen schweifen und dabei den zwang und drang ablegen, sofort zusammenhänge herzustellen, ja eine durchgehende geschichte zu konstruieren. denn erst so und nicht in einer ordnung des (bildnerischen) erzählens ergibt sich paradoxerweise der sinn der kunststoffe. sie sind eine anordnung von stoffen, von einzelnen werken, aus denen das kunstwerk erst entspringt.
derart ist der bilderbogen des künstlerpaares gutjahr/marthaler beschaffen: herausfordernd, irritierend, poetisch, plakativ, hintersinnig, raffiniert, ästhetisch gewagt, gekonnt. kunststoffe ist – nach der 2020 erschienenen bilderkassette kunstfutter – eine art quintessenz der langjährigen zusammenarbeit und auseinandersetzung mit verschiedensten bilderwelten und -findungen. es verbinden sich die fotografien, malereien und zeichnungen von susanne gutjahr mit den comics von peter marthaler.
bisher unhinterfragt blieb der begriff „bilderbogen“, der gewissermassen als umschreibung einer ästhetischen gattung gesetzt ist. nach gängiger definition besteht ein bilderbogen meist aus mehreren bildern, die lose assoziiert oder auch nach einer eigenen logik geordnet sind; diese logik kann gegensätzen – wie vorher/nachher – oder gespannten dialektischen steigerungen folgen.
historisch gehören zu den vorgängern der bilderbogen flugblätter – religiöser oder politischer art –, aber auch guckkastenbilder, die als geschichten oder moritaten die sehlust und die neugierde der leute befriedigten. die komischen streifen, angefangen mit den zeichnungen von rodolphe toepffer oder grandville und wilhelm busch bis hin zu den comic strips, gehören selbstverständlich ebenfalls zu den bilderbögen. (das ist ein arg verkürzter bilderbogen über die geschichte der bilderbögen.)
hier setzen die kunststoffe mit den bandes dessinées von marthaler an, die in die bilder von gutjahr eingeflochten, in die gutjahrs bilder hineinkomponiert sind, zusammengefügt wie eine fuge, teils analytisch-formal, teils assoziativ-spielerisch – oder dann hart montiert.
dies musikalische klingt an in den immer wieder aufscheinenden konzert-fotografien gutjahrs. sie geben einen ton, einen klang, einen akkord an. sie verweisen auf eine verfahrensweise, die der bilderfolge zugrunde liegt: es ist das rhythmische, zu dem lautere und leisere töne gehören ebenso wie harte brüche, pausen und weiche übergänge. motorengeräusch geht über in leises wellen, rock’n’roll in tanzende, tastende, lyrische bewegungen. elegisches wechselt zu dokumentarischem, dunkles folgt hellem, rätselhaftes dem luziden.
je länger ich durch die kunststoffe blättere – sei es von vorne nach hinten, sei es hin und her – desto traumhafter wird das werk. genauer: es wird traumartiger. wie im traum gibt es ein erhaschen von zipfeln einer durch und durch stimmigen geschichte, die jedoch gleich wieder von anderen, weniger eindeutigen bildern überlagert wird, sich verflüchtigt, wieder kondensiert. und wenn ich mich frage, was ich gesehen, ja erlebt habe, so weiss ich nur, dass ich von einem tagtraum unmittelbar in eine traumwelt gewechselt habe. und dass ich mich mit gutem gewissen – nicht etwa aus angst vor voreiligen schlüssen – auf keine traumdeutung einlassen kann oder will.
so entgleiten die kunststoffe ins surreale (nicht jedoch ins surrealistische). real sind sie, indem sie wahrnehmungstheoretische aspekte indirekt kritisch hinterfragen: wie viele gedanken-bilder lösen sie pro sekunde, pro minute, pro stunde aus?
text zu/aus der kunstpublikation kunststoffe gutjahr/marthaler
konrad tobler
über das werk von susanne gutjahr und peter marthaler
pas de deux mit bildern
bang macht es. und das auto rast kurvend in bester, in gekonntester comic-manier davon. bang. und das nächste bild: eine fotografie, die einen kleinen altar zeigt. ohne bang geht es so weiter, von bild zu bild, schlag auf schlag sozusagen. oder auch leise. comicwelten treffen auf subtile malereien, auf denen vielschichtige, ungegenständliche strukturen zu sehen sind; diese erinnern manchmal an palimpseste, also an überschriebene schriften, manchmal wecken sie assoziationen an landschaften, freilich von ferne; auch biomorphes lässt sich erahnen, bewegungen der hand, der augen. dann tritt, bevor wir in die gewölbe einer garage treten, stefan eicher auf die bühne. immer wieder automobile, auch verrottete. treppauf, treppab. architekturen. dann riwest, und darunter, unverkennbar, kuno lauener.
ein durcheinander? ein wirrwarr? mitnichten. höchstens ein verwirrspiel, das sich nicht so leicht lösen lässt. und eben das ist das faszinierende, spannende, spannungsvolle. denn hier treffen zwei kunstwelten aufeinander. besser: sie verschränken sich, sie umspielen und umtänzeln sich, die werke von susanne gutjahr und peter marthaler.
sie ist freischaffende künstlerin und fotografin. ihre werke wurden zum beispiel in den museen von neuenburg und la chaux-de-fonds und in verschiedenen galerien gezeigt. 2001 publizierte sie einen grossformatigen bildband mit fotografien: „be rockt – ein bildband zur berner rockszene“. es sind nahe, authentische aufnahmen, sie sind voller bewegung. es treten auf: züri west, stefan eicher, dann auch polo hofer und büne huber, span, die shoppers und stiller has. wie einmal geschrieben wurde: „die berner szene live: in ihren fotosequenzen montiert susanne gutjahr konzerte, die an verschiedensten orten stattfanden, zu einem einzigen grossen festival.“
peter marthaler ist ein kongenialer zeichner in der tradition der bandes dessinées. kaum etwas, so scheint es, kann er nicht in die sprache der besten comics umsetzen – ob architekturen, logos oder emotionale szenen voller gesten und mimik. das erscheint wie von leichter hand gezeichnet, geradezu beschwingt, ist aber das resultat langer, genauer beobachtungen – und einer sicheren hand. fast möchte man all die skizzen einmal sehen, die zu diesen resultaten geführt haben. marthalers tätigkeitsfeld ist gross. es reicht von der werbung für renommierte marken bis zur gestaltung von messeständen, von arbeiten für bundesbetriebe bis zu freien szenerien. sein können wurde auch international anerkannt: in brüssel, hauptstadt nicht nur europas, sondern auch des comics, hat er ganze tramzüge mit grossen zeichnungen bebildert.
diese beiden welten kommen nun als drucksache zusammen. susanne gutjahr und peter marthaler sind seit jahren ein paar. sie arbeiten im selben haus, sie haben jeweils ein eigenes atelier. sie sind ein künstlerpaar, aber nicht im sinne der engen zusammenarbeit an einem werk. die zusammenarbeit besteht im austausch, in der kritik. die werke der beiden sind so verschieden, wie zwei menschen verschieden sein können. und doch gibt es diese ge- meinsamkeit, die vermutlich nicht in worte zu fassen ist.
was also geschieht, wenn zwei verschiedene kunst-welten zusammentreffen? wenn fotografie mit zeichnung mit malerei in relation mit bandes dessinées treten? wenn in konstellationen brücken über jahre, ja jahrzehnte geschlagen werden?
es öffnet sich ein vielstimmiger dialog; assoziationen werden geweckt und wieder verschoben, erinnerung und gegenwart überlagern sich. faltungen entstehen, die dinge aufeinanderlegen. zufälle lassen einfälle zufallen. das spiel der bilder ist vergleichbar mit einem sich ständig wandelnden kosmos. oder einem kaleidoskop, das in jedem moment für überraschungen sorgt – und bei dem man beim betrachten den augenblick festhalten möchte, um zu erzählen, was man sieht, was geschieht. die erzählung jedoch ist eine, die sich unter der hand verändert.
derart ist das gemeinsame werk von susanne gutjahr und peter marthaler beschaffen. ihre beiden verschiedenen künstlerischen prozesse werden in einer form verschränkt, die selbst wieder einen prozess auslöst. die leporellos (und einzelblätter) liegen lose in einer schatulle. sie lassen sich auffalten und verschieben, neu ordnen, anders anordnen. fix, weil als fertig betrachtet, sind die einzelnen bilder. diese sind in sich ruhende kompositionen, in die sich der blick vertiefen mag. um dann gleich weiter zu schweifen zu einem anderen bild. dann eine kleine verschiebung der bilder: das bild, in das man sich zuvor vertieft hat, erhält im neuen kontext eine andere bedeutung.
so spiegelt sich augenfällig – und zugleich unaufdringlich – ein prozess der alltäglichen wahrnehmung: ein bild ist immer umgeben von bildern, ist ein bild von bildern. unser blick ist ein unruhiger, die augen bewegen sich, selbst bei höchster konzentration, von einem punkt zum anderen. nur so ist es möglich, in all den teilen ein (teil-)ganzes zu sehen. das hat nichts mit der viel beschworenen bilderflut zu tun, sondern mit dem prozess der versuchten welt-aneignung; kaum meint man, sich vergewissert zu haben, ist manches, und seien es kleinigkeiten, bereits wieder anders. und sei es, dass man unwissentlich den kopf leicht geneigt hätte.
das kunstfutter mit den rund 200 ausgewählten bildern aus über dreissig jahren schaffen bietet viel freiheit – und vor allem nahrhaftes futter für die augen und für die assoziationslust. und wer appetit auf mehr hat, verschiebt einfach die bilder nochmals und nochmals.
vollständiger text zu/aus der kunstpublikation kunstfutter gutjahr/marthaler
francesco micieli
sprachen – stoffe
ich dürfe etwas drittes zur ausstellung von susanne und peter hinzufügen.
eine geschichte. einen gedanken. eine rede.
lange habe ich auf einen text gewartet, der vielleicht einen, oder mehrere aspekte ihres werks besprechen, zeigen oder beleuchten würde. es wollte sich aber nichts richtiges einstellen. dann habe ich mir, um mich zu beruhigen, gesagt: «ja, das zeigt dir, du sollst den blick der anwesenden nicht lenken oder gar bevormunden». und so war ich offener für andere begegnungen und folgende gehörte geschichte kam aus der erinnerung zu mir.
die schauspielerin lilith stangenberg hat bei der vorbereitung auf ihre rolle im film wild von 2016 – wölfe beobachtet und zwar in einem freilandgehege – begleitet von einem profi.
sie berichtet wie sich nach einer gewissen zeit die beobachtung einstellte, dass die tiere, die in ihrem rudel scheinbar richtungslos hin und her rennen – und sie dabei nicht weiter beachten –, fast ständig einander mit irgendeinem teil ihrer körper berührten. sie stupsten, sie streiften aneinander vorbei. und jedes mal sei die berührung – so wie sie das verstand – unterschiedlich gewesen.
und aus der art, wie sie es taten, schloss sie, dass das nicht in erotischer absicht geschah.
dieses berühren, tasten, einander-anstoßen, aufeinander-zu-rennen, davonrennen ist dagegen eher ein «netz». man müsste die strecken, auf denen sie sich einander näheren und dann wieder rituell entfernen, nachmessen und eine skizze davon anfertigen. vielleicht hätte man dann «die sprache der wölfe».
je länger sie das geschehen beobachtete, desto häufiger schien ihr die abfolge der berührungen. vermutlich lag das daran, dass sie es bemerkte, weil sie das raster erkannt hatte.
das raster!
wenn eines der tiere seinen ort wechselt, antworten die anderen tiere auf diesen ortswechsel. die orte, die sie besetzt halten, sind sozusagen ihre sätze, absätze, und der tagesverlauf sind die kapitel, vergleichbar einem roman. das stupsen, das vorüberlaufen und dabei kurz-die-flanke-anstoßen, das rasche vorübergleiten am fell des anderen, das sind die wörter.
die wölfe haben ihre sprache, nur sitzt sie nicht in ihrer kehle.
was ich von susanne und peter kenne und auch hier in dieser ausstellung sehe, hat auch metaphorisch gesprochen mit bewegungen, berührungen, fell an fell, strich an strich, fläche an fläche, farbe an farbe zu tun.
auch dies eine sprache, die nicht von der kehle kommt.
eine sprache aber, die uns ansprechen und berühren will und es auch tut.
geschichte zu der ausstellung bilderbilder gutjahr/marthaler
© bildmaterial peter marthaler / © autoren texte / all rights reserved /- 2025